Architekturzeichnung als Raum

Die Sammlung des Museum of Modern Art in New York (MoMA) umfasst drei Blätter von Ludwig Mies van der Rohe, die einen gemeinsamen Ansatz verfolgen: die Darstellung der Innenraumperspektive. Die um 1938 beziehungsweise danach datierten Arbeiten sind keine konventionellen Baupläne, sondern Kompositionen, die durch die Verbindung von Zeichnung und Collage räumliche Erfahrung vermitteln sollen.

Mies van der Rohe (1886–1969), ein deutscher Architekt, der später die US-amerikanische Staatsbürgerschaft annahm, gilt als einer der prägenden Vertreter der Moderne. Sein Werk reicht von Möbeln aus Stahlrohr bis zu ikonischen Bürogebäuden. In diesen Blättern erprobt der Architekt, wie Betrachterinnen und Betrachter den Innenraum wahrnehmen, und verbindet dafür die Präzision des Graphits mit der Textur ausgeschnittener Materialien.

Drei Perspektiven, drei Techniken

Die drei im Mies-van-der-Rohe-Archiv des MoMA dokumentierten Arbeiten unterscheiden sich in Materialien und Titeln. Das deutet auf eine fortlaufende Auseinandersetzung mit demselben Thema hin.

1. Court House Project, Interior perspective

Dieses Blatt ist mit after 1938 (nach 1938) datiert. Es besteht aus Graphit und ausgeschnittenen, aufgeklebten Fotografien auf Illustrationstafel. Die Maße betragen 30 1/8 × 40 1/8 Zoll (76,5 × 101,9 cm). Die ausgeschnittene Fotografie bringt eine unmittelbare visuelle Wirklichkeit in die Komposition und steht im Kontrast zu den handgezeichneten Linien. Das Objekt trägt die Inventarnummer 458.1964 und gehört zum Archiv, das der Architekt dem Museum schenkte.

2. Court House, project (Interior perspective)

Diese Arbeit ist mit c. 1938 (um 1938) datiert. Sie besteht aus Bleistift und ausgeschnittenem, aufgeklebtem bedrucktem Papier auf Karton. Ein bemerkenswertes Detail: Das Papier stammt aus einem Werk von Georges Braque, Fruit Dish, Sheet Music, and Pitcher (1926). Die Maße betragen 30 × 40 Zoll (76,1 × 101,5 cm). Die Objektnummer lautet 691.1963. Das Fragment aus Braques kubistischem Gemälde ergänzt die architektonische Perspektive um eine kunsthistorische und textile Ebene.

3. Row House with Interior Court, project (Interior perspective)

Auch dieses Blatt ist mit after 1938 datiert. Es verbindet Graphit mit einer Collage aus Holzfurnier und einer ausgeschnittenen, aufgeklebten Reproduktion auf Illustrationstafel. Die Maße betragen 30 × 40 Zoll (76,1 × 101,5 cm). Die Objektnummer lautet 692.1963. Der Einsatz von Holzfurnier (wood veneer) lässt auf ein Interesse an der realen Materialität von Innenraumoberflächen schließen und nimmt die haptische Erfahrung des Raums vorweg.

Vergleich der Arbeiten

Die folgende Tabelle fasst die technischen und katalogbezogenen Angaben zu den drei Blättern zusammen:

Titel Datierung Technik und Material Maße (Zoll) Maße (cm) Objektnummer
Court House Project, Interior perspective after 1938 Graphit und ausgeschnittene Fotografie auf Illustrationstafel 30 1/8 × 40 1/8 76,5 × 101,9 458.1964
Court House, project (Interior perspective) c. 1938 Bleistift und ausgeschnittenes bedrucktes Papier (Detail von Braque) auf Karton 30 × 40 76,1 × 101,5 691.1963
Row House with Interior Court, project (Interior perspective) after 1938 Graphit und Collage aus Holzfurnier sowie ausgeschnittener Reproduktion auf Illustrationstafel 30 × 40 76,1 × 101,5 692.1963

Ausstellung und Archiv

Die Arbeiten gehören zum Mies van der Rohe Archive, das der Architekt dem MoMA schenkte. Sie sind derzeit nicht ausgestellt (Not on view), waren aber in früheren Ausstellungen dokumentiert. So wurde das Blatt Court House Project, Interior perspective in der Ausstellung Cut ’n’ Paste: From Architectural Assemblage to Collage City (2013–2014) identifiziert. Das Blatt Court House, project (Interior perspective) wurde in der Ausstellung Mies van der Rohe: Architectural Drawings from the Collection (1966) gezeigt.

Die Arbeiten im Archiv verdeutlichen, dass Mies die Zeichnung nicht nur als Mittel der technischen Kommunikation, sondern auch als ästhetisches Erkundungsmedium nutzte. Die Verbindung von Fotografie, Malerei und realen Materialien in diesen Innenraumperspektiven zeugt vom Versuch, die Zweidimensionalität des Papiers zu überwinden und Tiefe sowie Materialität des architektonischen Raums anzudeuten.

Schlussbetrachtung

Diese drei Blätter geben Einblick in Mies van der Rohes Praxis in den späten 1930er-Jahren, einer Zeit intensiver formaler Experimente. Collage und ausgeschnittene Fotografie dienen nicht bloß der Dekoration, sondern als Mittel, unterschiedliche visuelle Wirklichkeiten in einer einzigen Perspektive zusammenzuführen. Der Bezug auf Braques Werk in einem der Blätter unterstreicht die Verbindungen zwischen Architektur und den künstlerischen Avantgarden der Zeit.

Die Dokumentation der Arbeiten im MoMA ermöglicht es, Mies’ Umgang mit der Darstellung des Innenraums nachzuvollziehen. Seine Techniken der Kombination verschiedener Materialien erweitern die Wahrnehmung der Betrachterinnen und Betrachter. Die Blätter zeugen von der Komplexität der modernen Architekturzeichnung und davon, wie sie räumliche Erfahrung über die bloße technische Darstellung hinaus vermitteln kann.

Referenzen

  1. MoMA. Ludwig Mies van der Rohe. Court House Project, Interior perspective. after 1938.
  2. MoMA. Ludwig Mies van der Rohe. Court House, project (Interior perspective). c. 1938.
  3. MoMA. Ludwig Mies van der Rohe. Row House with Interior Court, project (Interior perspective). after 1938.

Die Übersicht

Geltungsbereich

Redaktionelle Einordnung; sie stellt weder einen Besuch noch eine technische Bewertung dar.

Quellen

Ludwig Mies van der Rohe. Court House Project, Interior perspective. after 1938 | MoMA ↗06/11/2026

Ludwig Mies van der Rohe. Court House, project (Interior perspective). c. 1938 | MoMA ↗06/11/2026

Ludwig Mies van der Rohe. Row House with Interior Court, project (Interior perspective). after 1938 | MoMA ↗06/11/2026