Eine Sammlung, die auch eine Erzählform ist
Die Sammlung des Vitra Design Museums umfasst Designobjekte, Dokumente und Archive. Ihr Wert liegt jedoch nicht allein darin, Stücke zu bewahren. Im Vitra Schaudepot bietet eine Auswahl von mehr als 400 Objekten modernen Möbeldesigns aus dem 19. Jahrhundert bis heute einen Rundgang durch Veränderungen von Stil und Technik. Zugleich lässt sich daran ablesen, wie Design auf gesellschaftliche Veränderungen reagiert und wie es mit Architektur, Kunst und Technologie zusammenhängt.
Der Umfang der Sammlung ist beträchtlich: Das Museum beziffert seinen Gesamtbestand auf rund 20.000 Objekte, darunter etwa 7.000 Möbelstücke und mehr als 1.000 Leuchten. Außerdem bewahrt es Archive und Nachlässe, die mit Designerinnen und Designern wie Charles und Ray Eames, Alexander Girard und Verner Panton verbunden sind. Diese Zahlen beschreiben den Gesamtbestand des Museums, nicht die Objekte, die gleichzeitig in den Ausstellungsräumen zu sehen sind.
Vom chronologischen Rundgang zu Forschungsthemen
Das von Herzog & de Meuron entworfene Schaudepot gliedert seine Präsentation in drei Bereiche mit zusammen rund 1.600 Quadratmetern. Im Hauptsaal ist die Dauerausstellung chronologisch angelegt. Die Auswahl reicht von Bugholzmöbeln aus den frühen Entwicklungen des modernen Designs über Stücke von Le Corbusier, Alvar Aalto und Gerrit Rietveld bis hin zu 3D-gedruckten Objekten, Prototypen, experimentellen Modellen sowie weniger bekannten und anonymen Stücken.
Die Abfolge ist keine endgültige Liste von Meilensteinen. Indem sie Objekte unterschiedlicher Epochen und Herkunft miteinander in Beziehung setzt, macht sie Veränderungen bei Materialien, Techniken und Vorstellungen von Möbeln sichtbar. Zeitlich begrenzte Präsentationen von Objekten aus dem Depot erweitern diese Erzählung, ohne dass die gesamte Sammlung dauerhaft im Ausstellungsraum Platz finden muss.
Im Untergeschoss sind Einblicke in weitere Bestände thematisch geordnet und machen weniger sichtbare Aspekte der Museumsarbeit anschaulich. Konservierung und kuratorische Arbeit erscheinen so als Tätigkeiten, die mit den Objekten verbunden sind, nicht als von ihrer öffentlichen Vermittlung getrennte Aufgaben. Zur Sammlung gehören außerdem kleinere Objektgruppen wie Besteck, Unterhaltungselektronik und Architekturmodelle sowie eine Bibliothek und ein Dokumentenarchiv.
Bewahren heißt auch forschen
Die Sammlung ist nicht statisch: Sie wächst und leiht Objekte an Museen und Galerien aus. Für ihre Konservierung sorgt eine eigene Werkstatt, die sich besonders mit den Problemen alternder Kunststoffe befasst. Diese Arbeit zeigt, dass Designgeschichte nicht nur von fertigen Formen handelt. Dazu gehören auch Materialien, die sich mit der Zeit verändern und deren Erhaltung Forschung erfordert.
Das Archiv bewahrt Bestände von Designerinnen und Designern sowie Dokumente wie Unternehmenspublikationen, Broschüren, Plakate, Patente und Zeichnungen. Ergänzt werden diese Materialien durch eine auf Design und Architektur spezialisierte Bibliothek. Gemeinsam ermöglichen Objekte und Dokumente, die Stücke in ihren Kontext einzuordnen und Ausstellungen sowie Forschungsprojekte zu unterstützen.
Zwei Gebäude, zwei Funktionen
Die Art, wie die Sammlung gezeigt wird, hängt mit der Architektur des Campus zusammen. Das von Frank Gehry entworfene und 1989 eröffnete Hauptgebäude des Museums war ursprünglich für die Sammlung vorgesehen. Heute finden dort große Wechselausstellungen statt. Das Schaudepot ermöglicht dagegen eine dauerhafte Präsentation einer Auswahl aus dem Bestand und ein vielfältiges Bildungsprogramm.
Diese Aufteilung bietet einen hilfreichen Gedanken für die Betrachtung des Museums: Ausstellungsgebäude und Sammlungsraum müssen nicht dieselbe Funktion erfüllen. Das eine kann wechselnde Ausstellungen beherbergen, während das andere einen beständigen Bezugspunkt bietet – auch wenn die sichtbare Auswahl durch zeitlich begrenzte Präsentationen ergänzt wird.
Die Arbeit sichtbar machen, die sonst im Hintergrund bleibt
Das Museumserlebnis geht über die Vitrinen hinaus. Im Schaudepot sind ausführliche Informationen zu den Objekten über einen digitalen Katalog verfügbar, den Besucherinnen und Besucher mit dem eigenen Smartphone oder einem Leihgerät des Museums abrufen können. Vom Café aus lässt sich in die Büros und die Bibliothek blicken; die Bibliothek empfängt Forschende und Studierende nach vorheriger Anmeldung. Die Restaurierungswerkstatt kann im Rahmen geführter Rundgänge über den Campus besichtigt werden.
Diese Entscheidungen geben dem Publikum Einblicke darin, wie Wissen über ein Objekt entsteht: Entscheidend sind nicht nur sein Aussehen, sondern auch seine Herkunft, Dokumentation, Konservierung und Beziehung zu anderen Objekten. Die Ausstellung zeigt eine Auswahl; Archive, Bibliothek und Arbeitsräume machen einen Teil der Infrastruktur sichtbar, die ihre Erforschung ermöglicht.
Eine Lesart des Alltagsdesigns
Das Museum vertritt die Auffassung, dass Design heute zum Alltag gehört und eine darauf ausgerichtete Institution mehr tun kann, als Objekte zu sammeln und auszustellen. Sie kann Gespräche anstoßen, gesellschaftliche Zusammenhänge sichtbar machen und Design mit anderen Bereichen verbinden. Im Schaudepot zeigt sich dieser Anspruch im Nebeneinander von ikonischen, experimentellen und anonymen Stücken sowie in der Verbindung von öffentlicher Ausstellung und Forschung.
Wer die Sammlung aus dieser Perspektive betrachtet, kann vermeiden, die Geschichte des Möbeldesigns auf eine Abfolge berühmter Namen zu reduzieren. Bekannte Stücke stehen neben Prototypen, Modellen und weniger bekannten Objekten; Möbel werden im Zusammenhang mit Beleuchtung, Archiven und Konservierungspraktiken betrachtet. So lädt die Präsentation dazu ein, zu beobachten, wie Design entsteht, wie es dokumentiert wird und welche Fragen über die Gesellschaft es offenlässt.
Referenzen
- The Vitra Design Museum Collection
- Vitra Design Museum
- Collection
Die Übersicht
Geltungsbereich
Redaktionelle Einordnung; stellt weder einen Besuch noch eine technische Bewertung dar.
Quellen
The Vitra Design Museum Collection ↗26/10/2026
Vitra Design Museum | Official Vitra® Online Shop ES ↗26/10/2026
Collection ↗26/10/2026
