Farbe und Möbel machen aus einem offenen Raum ein simuliertes Zuhause

Im Juni 2024 gestaltete die niederländische Künstlerin und Designerin Sabine Marcelis das VitraHaus Loft auf Ebene 4 des VitraHaus neu. Die Installation ist keine bloße Zusammenstellung einzelner Möbelstücke: Sie ordnet ausgewählte Produkte, Entwürfe und Kunstwerke zu einer Vorstellung davon, wie ein Zuhause genutzt und erlebt werden könnte.

Marcelis entwickelte den Raum mit der Frage, wie sie ihn gestalten würde, wenn sie selbst dort lebte. Daraus entstand ein offener Grundriss mit funktionalen Bereichen, in dem Möbel nicht isoliert präsentiert, sondern als Teil eines gedachten Alltags arrangiert sind. Farbe übernimmt dabei eine räumliche Aufgabe: Sie macht die unterschiedlichen Bereiche erkennbar, ohne sie durch Wände oder Trennwände voneinander abzuschließen.

Farbige Zonen statt baulicher Abtrennungen

Jeder Bereich erhält eine Grundfarbe, die seine Wahrnehmung prägt. Der Lounge-Bereich ist karamellfarben, die Küche rostrot, das Wohnzimmer grün und der Arbeitsbereich sehr hellgelb. In der Installation dienen diese Töne als Orientierung innerhalb des offenen Raums und tragen dazu bei, seine Funktionen voneinander zu unterscheiden.

Die Palette setzt sich aus Farben zusammen, mit denen Marcelis und ihr Studio häufig arbeiten, ergänzt um weitere Nuancen. Warme Töne prägen den Gesamteindruck; kühlere Akzente wie Grün und Rosa schaffen Kontrast. Die Farben sind dabei nicht als Antwort auf eine saisonale Trendpalette angelegt, sondern als persönliche Favoriten, die Marcelis nach eigener Einschätzung dauerhaft ansprechend findet.

Diese Unterscheidung ist auch für die Gestaltung von Wohnräumen nützlich: Farbe kann Bereiche markieren, ohne den Grundriss dauerhaft zu verändern. Sie schafft allerdings nicht dieselbe physische Trennung wie eine Wand. In der Installation entsteht die Abgrenzung vor allem durch die visuelle Zuordnung von Farbtönen, Möbeln und Funktionen.

Modulare Möbel werden neu gelesen

Die Installation kombiniert Produkte aus dem Vitra-Katalog mit ausgewählten Entwürfen anderer Herkunft. Einige Möbel werden nicht nur arrangiert, sondern angepasst oder in eine ungewohnte Funktion überführt. So verschiebt sich der Blick von der Frage, wie ein Möbelstück üblicherweise verwendet wird, hin zu der Frage, was eine konkrete Anordnung im Raum ermöglicht.

Das Soft Modular Sofa als Lounge-Grube

Im Wohnzimmer werden Elemente des von Jasper Morrison entworfenen Soft Modular Sofa zu einer umschließenden Lounge-Grube zusammengefügt. Das Sofasystem wird gewöhnlich in geraden oder L-förmigen Konfigurationen genutzt. Hier bilden die verbundenen Module einen nach innen orientierten Sitzbereich, der zum Ausruhen und zum Zusammensein einlädt.

Die Anordnung macht das Sofa zum Mittelpunkt der inszenierten Wohnsituation. Zugleich bezieht sie den Raum um die Sitzgruppe in das Erlebnis ein: Vom Loft aus sind weite Ausblicke über die Umgebung möglich. Die Sitzinsel verbindet damit eine intime, nach innen gerichtete Nutzung mit der Offenheit des Gebäudes.

Kado Office als Stauraum und Schlafplatz

Auch das Kado Office-Regalsystem wird neu interpretiert. In der Installation ist es so angepasst, dass es sowohl als Kleiderschrank als auch als Bett dient. Die Kombination zeigt, wie ein modulares System über seinen üblichen Einsatz im Büro hinaus für häusliche Funktionen gedacht werden kann.

Das ist eine gestalterische Umdeutung, keine allgemeine Aussage darüber, dass jedes Bürosystem ohne Weiteres als Bett geeignet wäre. Die Installation demonstriert eine konkrete Konfiguration; sie liefert keine technischen Angaben zu Belastbarkeit, Umbau, Sicherheit oder praktischer Eignung für andere Produkte oder Räume.

Kunst und persönliche Bezüge geben dem Raum zusätzliche Ebenen

Neben Möbeln aus dem Vitra-Umfeld gehören Werke und Gestaltungselemente von Künstlerinnen und Künstlern zum Loft. Maria Pratts, Saskia-Noor Van Imhoff, Johnny Mae Hauser und Carlijn Jacobs steuerten Arbeiten bei. Ehsan Morshed, ein in Berlin lebender Künstler und Musterdesigner, entwarf Bettwäsche für die Installation. Seine Muster greifen Collagetechniken auf; die eigens gestalteten Stücke wurden als limitierte Editionen im VitraHaus angeboten.

Die Einbindung solcher Arbeiten verändert die Wirkung der Einrichtung: Der Raum besteht nicht nur aus funktionalen Möbeln, sondern enthält Objekte mit eigenen gestalterischen und persönlichen Bezügen. In dieser Mischung liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen einer wohnlich inszenierten Umgebung und einer rein funktionalen Präsentation. Kunst kann dabei eine zusätzliche Ebene schaffen, ersetzt aber nicht die räumliche Organisation durch Möbel, Farbe und Nutzung.

Limitierte Editionen übertragen die Palette auf einzelne Objekte

Im Zusammenhang mit der Installation erschienen limitierte Editionen zweier Entwürfe von Verner Panton. Beide griffen die sieben Farbtöne des Loft-Konzepts auf.

Objekt Entwurf und Jahr Ausführung der Edition Angegebene Begrenzung
Panton Chair Classic Verner Panton, 1959 Hochglänzende Oberfläche in den sieben für das Loft verwendeten Farbtönen 50 Stück je Farbe
Visiona Stool Verner Panton, 1970 Sieben Farbtöne mit unterschiedlichen Bezügen, von flauschigen Texturen bis Leder 50 Stück je Farbe und Bezugsmaterial

Die Panton Chair Classic verbindet die Farbpalette mit einer glänzenden Oberfläche, während die verschiedenen Bezüge des zylindrischen Visiona Stool jeder Ausführung eine eigene Materialwirkung geben. Die Stücke wurden während der Art-Basel-Woche im VitraHaus und über die Vitra-Website angeboten. Die dokumentierte Verkaufsangabe bezieht sich auf diese Edition; sie belegt nicht, dass die Produkte heute noch erhältlich sind.

Das Loft im Kontext des VitraHaus

Das VitraHaus wurde von Jacques Herzog und Pierre de Meuron entworfen und 2010 fertiggestellt. Als Flagship-Store für die Vitra Home Collection präsentiert es Möbel in arrangierten Wohnsituationen. Seine Architektur greift die vertraute Form des Hauses auf: verlängerte Satteldachhäuser sind ineinandergeschoben und mit großen Glasfronten versehen.

Das Gebäude besteht aus zwölf ineinander verschachtelten Häusern, deren Auskragungen bis zu 15 Meter weit übereinander reichen. Es ist 57 Meter lang, 54 Meter breit und 21,3 Meter hoch. Die übereinandergestapelten Formen wirken von außen beinahe chaotisch, während die großen Fenster Einblicke und Ausblicke ermöglichen. Bei Dunkelheit leuchtet das Gebäude; die Glasfassaden erscheinen dann wie Schaufenster.

Die Lage des Lofts auf Ebene 4 verbindet die häusliche Inszenierung mit der Aussicht auf die nähere und weitere Umgebung. Diese Verbindung ist für das Konzept bedeutsam: Der Raum wird als privater Wohnbereich vorgestellt, bleibt aber Teil eines öffentlich zugänglichen Ausstellungs- und Verkaufsgebäudes.

Was sich für die eigene Raumgestaltung ableiten lässt

Die Installation macht mehrere konkrete Gestaltungsprinzipien sichtbar, ohne damit eine allgemeingültige Anleitung für jede Wohnung zu liefern:

  1. Farbe kann offene Grundrisse lesbar machen. Eine konsequente Farbzuordnung hilft, unterschiedliche Nutzungsbereiche visuell voneinander abzugrenzen. Sie ersetzt jedoch keine bauliche Trennung, wenn Sichtschutz oder akustische Abschirmung erforderlich sind.
  2. Modulare Möbel lassen sich als räumliche Anordnungen denken. Beim Soft Modular Sofa verändert die Zusammenführung der Module die soziale und räumliche Wirkung der Sitzgruppe. Entscheidend ist nicht allein das Einzelstück, sondern auch seine Konfiguration.
  3. Möbel können über ihre übliche Funktion hinaus interpretiert werden. Das Beispiel Kado Office zeigt eine konkrete Umdeutung zu Stauraum und Schlafplatz. Für eine praktische Übertragung wären jedoch die jeweiligen Maße, Konstruktion und Sicherheitsanforderungen zu prüfen; dazu liefert die Installation keine technischen Angaben.
  4. Kunst und persönliche Objekte schaffen Bedeutungsebenen. Werke mit eigenen gestalterischen Bezügen ergänzen die Möbel und verhindern, dass der Raum ausschließlich als funktionale Anordnung wahrgenommen wird.
  5. Persönliche Vorlieben können eine Alternative zur kurzfristigen Trendorientierung sein. Marcelis wählte Farben, die sie selbst dauerhaft schätzt. Das ist eine nachvollziehbare gestalterische Haltung, aber keine Garantie dafür, dass eine bestimmte Palette für alle Menschen oder Räume zeitlos wirkt.

Das VitraHaus Loft veranschaulicht Innenraumgestaltung als Zusammenspiel von Farbe, Möbelkonfiguration, Kunst und Architektur. Sein zentraler Ansatz liegt nicht darin, möglichst viele Produkte zu zeigen, sondern durch ihre Anordnung eine plausible Wohnsituation zu entwerfen. Für private Räume lässt sich daraus vor allem die Frage mitnehmen, wie Farben, Funktionen und persönliche Gegenstände gemeinsam eine Umgebung strukturieren können.

Referenzen

  • Vitra, „VitraHaus Loft: A conversation with Sabine Marcelis“, veröffentlicht am 27. Mai 2024. Enthält Angaben zum Gestaltungskonzept, zu den Farbzonen, Möbelkonfigurationen, Kunstbeiträgen und limitierten Editionen.
  • Vitra, „VitraHaus Loft by Sabine Marcelis“, veröffentlicht am 15. Mai 2024. Enthält Angaben zur Installation auf Ebene 4, zu den beteiligten Kunstschaffenden und zu den Editionen.
  • Vitra, „VitraHaus“. Angaben zur Architektur, Nutzung, Bauform und zu den Abmessungen.

Die Übersicht

Geltungsbereich

Redaktionelle Einordnung; kein Besuch und keine technische Bewertung.

Quellen

VitraHaus Loft | Official Vitra® Online Shop LU ↗22/10/2026

VitraHaus | Official Vitra® Website LP ↗22/10/2026

VitraHaus Loft de Sabine Marcelis | Official Vitra® Online Shop ES ↗22/10/2026