Lehmbauten gehören zu den ältesten und weltweit verbreiteten Formen, mit verfügbaren lokalen Materialien eine gebaute Umwelt zu schaffen. Sie sind keineswegs auf ländliche oder einfache Gebäude beschränkt: Das Spektrum reicht von Moscheen, Palästen und Getreidespeichern bis zu historischen Stadtzentren, Kulturlandschaften und archäologischen Stätten. 2011 enthielten mehr als zehn Prozent der Welterbestätten Lehmbauten. Erde ist damit nicht nur ein Baumaterial, sondern auch Teil der kulturellen Identität von Gemeinschaften auf verschiedenen Kontinenten.

Material und besondere Anfälligkeit

Erde ist lokal verfügbar und wirtschaftlich zugänglich. Das verleiht dem Baustoff Potenzial, zu Armutsminderung und nachhaltiger Entwicklung beizutragen. Zugleich macht seine Beschaffenheit Lehmbauten besonders anfällig für natürliche und menschliche Einwirkungen. Zu den dokumentierten Gefährdungen zählen Überschwemmungen und Erdbeben ebenso wie Industrialisierung, Verstädterung, moderne Bautechnologien und der Rückgang traditioneller Erhaltungspraktiken.

Die historische Darstellung des WHEAP-Programms nennt einen Anteil von ungefähr einem Viertel für Lehmbau-Stätten auf der Liste des gefährdeten Welterbes. Die Angabe beschreibt den dokumentarischen Kontext des Programms und ist keine aktualisierte Zählung der Liste. Erhaltung muss auf den Baustoff und den jeweiligen Ort abgestimmt werden. Widerstandsfähigkeit hängt von fortlaufender Instandhaltung, Management und der Weitergabe von Kenntnissen ab.

Ein internationales Handlungsprogramm

Das Welterbeprogramm für Lehmbau (WHEAP) wurde 2007 vom Welterbekomitee angestoßen. Sein Ziel war, den Erhaltungszustand und das Management von Lehmbau-Stätten weltweit zu verbessern. Dazu gehörten Pilotprojekte an Stätten auf der Welterbeliste oder auf den Vorschlagslisten der Vertragsstaaten. Sie sollten bewährte Vorgehensweisen ermitteln und geeignete Methoden für Erhaltung, Management und Qualifizierung weiterentwickeln.

Das Programm war für den Zeitraum 2007 bis 2017 angelegt und in vier Phasen gegliedert. Die geografische Ausrichtung wurde schrittweise erweitert; die regionalen Schwerpunkte sollten eine kontextbezogene Umsetzung ermöglichen.

Phase Zeitraum Regionale Ausrichtung Dokumentierte Aktivitäten
1 2007–2008 Global Offizieller Start im Rahmen der Konferenz Terra 2008 in Mali; Beginn des Inventarisierungsprojekts.
2 2009–2011 Afrika und arabische Staaten Erhaltungsprojekt in Lalibela, Äthiopien; Entwürfe für Bauvorschriften für Djenné und Timbuktu in Mali; Sicherung des Neuen Dorfes Gourna in Ägypten.
3 2012–2014 Lateinamerika und Zentralasien Strategische Planung mit dem Lúcio-Costa-Zentrum in Brasilien; Handwerksworkshops in Tlaxcala, Mexiko; Restaurierung von Bam im Iran.
4 2015–2017 Europa und Asien Ausbau des globalen Netzwerks und Verbreitung der Ergebnisse.

Die Phasen verdeutlichen eine wichtige Unterscheidung: Gefährdungen können sich ähneln, doch geeignete Maßnahmen müssen an kulturelle, klimatische und administrative Bedingungen angepasst werden. Regionale Partner und lokale Fachkenntnisse sind deshalb für die praktische Umsetzung bedeutsam. Zu den dokumentierten Kooperationen gehörten die Schule für Afrikanisches Kulturerbe in Benin und das Zentrum für Kulturerbeentwicklung in Afrika in Kenia.

Inventarisierung als Grundlage für Entscheidungen

2012 wurde das Welterbe-Inventar der Lehmbauarchitektur fertiggestellt. Es erfasst 150 auf der Welterbeliste eingetragene Stätten mit Lehmbauten und ordnet sie nach Regionen. Die Einträge beruhen auf Angaben der Stättenverantwortlichen und werden in illustrierten Datenblättern zusammengefasst, die die jeweiligen Orte in ihrem geografischen und kulturellen Zusammenhang darstellen.

Das Inventar dient nicht nur der Übersicht. Die zugrunde liegende Untersuchung sollte Kenntnisse über die Stätten verbessern und eine gezieltere Planung von Erhaltungs- und Qualifizierungsmaßnahmen ermöglichen. Sie strukturierte die Analyse anhand von vier Themen:

  1. Bautypen und Konstruktionsmethoden: Welche Bauweisen und Techniken an der jeweiligen Stätte vorkommen.
  2. Aktueller Zustand: Wie die Erhaltungssituation eingeschätzt wird.
  3. Gefährdungen: Welche natürlichen und menschlich verursachten Risiken bestehen.
  4. Handlungsprioritäten: Welche Maßnahmen besonders dringlich sind.

Diese Gliederung kann Entscheidungsträgern helfen, allgemeine Erhaltungsziele in standortspezifische Prioritäten zu übersetzen. Wenn Bauweise, Zustand und Risiken gemeinsam betrachtet werden, lassen sich Maßnahmen gezielter ausrichten, statt dieselbe Lösung unabhängig von den Ursachen des Verfalls überall anzuwenden. Das Inventar selbst ist jedoch eine Bestandsaufnahme und ersetzt weder die Prüfung vor Ort noch die fortlaufende Pflege und Planung.

Erhaltung zwischen Katastrophenvorsorge und nachhaltigem Bauen

Die Erhaltung von Lehmbauten betrifft sowohl historische Gebäude als auch Fragen nachhaltiger Entwicklung und der Anpassung an den Klimawandel. Überschwemmungen und Dürren können Stätten gefährden; wirksames Risikomanagement setzt daher voraus, die Eigenschaften des Materials und die jeweiligen Bauweisen zu verstehen. Traditionelle Konstruktionstechniken können lokales Wissen über Wasserführung und bauliche Stabilität enthalten. Dieses Wissen ist für die Erhaltungsplanung relevant, muss aber im jeweiligen Kontext beurteilt werden.

Auch zeitgenössische Lehmbauarchitektur zeigt, dass Erde als Baustoff nicht allein der Vergangenheit angehört. Pflanzliche Fasern und die Verbindung traditioneller Materialien mit neueren Techniken werden als Ansätze für die zeitgenössische Gestaltung und Konstruktion hervorgehoben. Der TERRAFIBRA-Preis richtet Aufmerksamkeit auf Bauten, die Erde und pflanzliche Fasern einsetzen, und auf die Verbindung verschiedener Materialien. Solche Beispiele verweisen auf eine mögliche Kontinuität zwischen überliefertem Wissen und gegenwärtiger Architektur; sie belegen für sich genommen jedoch nicht, dass jede Materialmischung für jede Stätte geeignet ist.

Was wirksames Management erfordert

Die dokumentierten Aktivitäten des WHEAP verweisen auf ein integriertes Vorgehen: wissenschaftliche Untersuchung, Qualifizierung, lokale Beteiligung und Austausch zwischen Fachleuten und Institutionen. Workshops, Ausstellungen, Konferenzen und technische Veröffentlichungen können Wissen verbreiten und die Anerkennung des Lehmbauerbes stärken. Ein aktives internationales Netzwerk kann zudem den Austausch von Erfahrungen unterstützen.

Für die praktische Verwaltung ergibt sich daraus eine Reihe miteinander verbundener Aufgaben:

  • Bauweisen und Materialien der jeweiligen Stätte dokumentieren.
  • Erhaltungszustand und konkrete Gefährdungen erfassen.
  • Maßnahmen an örtliche Bedingungen und festgestellte Ursachen anpassen.
  • Traditionelles und technisches Wissen in Ausbildung und Management einbeziehen.
  • Pflege und Risikomanagement als fortlaufende Aufgaben behandeln.
  • Erfahrungen so festhalten und teilen, dass sie andernorts angepasst, nicht schematisch kopiert werden können.

Die Widerstandsfähigkeit einer Lehmbau-Stätte ist kein statischer Zustand. Sie entsteht durch kontinuierliche Instandhaltung und die Fähigkeit, auf veränderte Umwelt- und Sozialbedingungen zu reagieren. Dokumentation und Wissensaustausch sind dafür wichtig, ersetzen aber keine standortbezogene Planung.

Weiterführende Ressourcen

Das WHEAP-Programm dokumentierte konkrete Arbeiten, darunter die Sanierung des Jugendhauses in Djenné und Untersuchungen zu den Mausoleen von Timbuktu. Technische Handbücher, Missionsberichte und Fallstudien können Einblicke in einzelne Maßnahmen geben. Ihre Übertragbarkeit hängt von den jeweiligen Materialien, Bauweisen und örtlichen Bedingungen ab.

Die Erhaltung von Lehmbauten schützt nicht nur historische Substanz. Sie trägt auch dazu bei, kulturelles und technisches Wissen zu bewahren, das sich im Umgang mit lokalen Ressourcen entwickelt hat. Dafür braucht es langfristige Pflege, fundierte Kenntnisse und die Mitwirkung der beteiligten Gemeinschaften.

Referenzen

  • UNESCO World Heritage Centre, World Heritage Earthen Architecture Programme (WHEAP). Hintergrund zum Programm, seinen Phasen, Aktivitäten und Ressourcen.
  • UNESCO World Heritage Centre, Support for the World Heritage Earthen Architecture Programme (WHEAP). Angaben zum Inventar, zu seiner Methodik und zu den erfassten 150 Welterbestätten.
  • UNESCO World Heritage Centre, UNESCO publishes proceedings of the International Colloquium on the World Heritage Earthen Architecture Programme (WHEAP). Überblick über Themen und Fallbeispiele der Tagungsbeiträge zur Erhaltung von Lehmbauten.

Die Übersicht

Geltungsbereich

Redaktionelle Lektüre; stellt weder einen Besuch noch eine technische Bewertung dar.

Quellen

World Heritage Earthen Architecture Programme (WHEAP) ↗20/10/2026

Support for the World Heritage Earthen Architecture Programme (WHEAP) ↗23/10/2026

UNESCO publishes proceedings of the International Colloquium on the World Heritage Earthen Architecture Programme (WHEAP) ↗23/10/2026