Das Interior Design hat sich von einer auf Ornamentik ausgerichteten Disziplin zu einem Feld entwickelt, das die Beziehung zwischen Menschen und ihrer alltäglichen Umgebung neu bestimmt. Besonders deutlich wurde dieser Wandel im 20. Jahrhundert. Er war nicht nur eine Reaktion auf ästhetische Veränderungen, sondern auch auf eine tiefgreifende Neuordnung gesellschaftlicher, technologischer und politischer Bedürfnisse.
Die grundlegende Frage: Wie wollen wir leben?
Seit der Einrichtung des Departments für Architektur und Design in den frühen 1930er-Jahren beschäftigen sich Kulturinstitutionen mit Design nicht als bloßer Dekoration, sondern als einem Mittel, den Alltag zu gestalten. Die Frage „Wie wollen wir leben?“ ist zu einem zentralen Ausgangspunkt geworden, um das moderne Interieur zu verstehen. Dabei geht es nicht allein um die Schönheit eines einzelnen Objekts, sondern um das Zusammenspiel von Elementen in einer konkreten Umgebung: in der Wohnung, im Ausstellungsraum oder im Geschäft.
Diese Perspektive setzt voraus, das Interieur als komplexes System zu begreifen. Materialien, Herstellungsverfahren und die Zusammenarbeit von Architektinnen und Architekten, Designerinnen und Designern sowie Handwerkerinnen und Handwerkern prägen, wie wir Räume bewohnen. Äußere Faktoren wie politische Ideologien oder technologische Fortschritte hinterlassen ihre Spuren in der Gestaltung einer Küche ebenso wie in der Wahl eines Wandteppichs.
Das Zusammenspiel im Raum: mehr als ein ikonisches Objekt
Design wird oft anhand berühmter Einzelstücke wahrgenommen. Um das moderne Interieur zu verstehen, muss man jedoch über das isolierte Objekt hinausblicken. Im Mittelpunkt steht dann die Einbindung verschiedener Elemente in ein vollständiges Raumgefüge. Eine Küche etwa ist nicht bloß eine Ansammlung von Möbeln, sondern ein Raum, der Vorstellungen von Effizienz, Geschlechterrollen und häuslichem Leben widerspiegelt.
In diesem Zusammenhang sind Kooperationen entscheidend. Projekte wie Lilly Reichs und Mies van der Rohes Velvet and Silk Café (1927) oder Grete Lihotzkys Frankfurter Küche (1926–1927) sind nicht nur Möbelentwürfe, sondern Vorschläge für eine Lebensweise. Sie verbinden Architektur, Möbel, Textilien und Beleuchtung zu einer zusammenhängenden Vorstellung vom bewohnten Raum.
Die Rolle von Frauen im Interior Design
Eine kritische Betrachtung des modernen Interieurs kann die grundlegende Rolle von Architektinnen und Designerinnen nicht ausklammern. Über Jahrzehnte wurden ihre Beiträge häufig männlichen Kollegen zugeschrieben oder in den Hintergrund gedrängt. Pionierinnen wie Eileen Gray, Charlotte Perriand, Lilly Reich und Grete Lihotzky prägten jedoch die Gestaltung funktionaler und ästhetisch anspruchsvoller Räume.
Eileen Gray entwarf beispielsweise die Möbel für das Haus E-1027 (1929), ein Projekt, das Konventionen seiner Zeit infrage stellte, indem es Kunst und Alltag miteinander verband. Charlotte Perriand entwickelte in ihrer Zusammenarbeit mit Le Corbusier und Pierre Jeanneret Arbeits- und Ruheräume, die ein modernes Verständnis von Privatsphäre und Funktionalität widerspiegelten – wie etwa im Maison du Brésil (1959).
Diese Designerinnen schufen nicht nur Objekte, sondern veränderten auch die Erfahrung des Wohnens. Ihre Arbeit zeigte, dass Interior Design eine intellektuelle und gesellschaftliche Ausdrucksform sein kann und nicht lediglich eine technische Aufgabe ist.
Materialien, Texturen und die haptische Dimension
Das moderne Interieur wird nicht allein durch seine Form bestimmt, sondern auch durch seine Materialien. Textilien, Tapeten und Oberflächen spielen eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung von Atmosphären. Die Textur eines Stoffes, der Glanz eines Metalls oder die Wärme von Holz beeinflussen, wie wir einen Raum wahrnehmen.
Interior Design ist in diesem Sinne eine multisensorische Erfahrung. Die Materialwahl erfolgt nicht willkürlich, sondern orientiert sich an funktionalen, ästhetischen und symbolischen Überlegungen. Ein Wandteppich bedeckt nicht nur eine Wand: Er absorbiert Schall, reguliert die Temperatur und fügt dem Raum eine kulturelle Bedeutungsebene hinzu.
Das Interieur als Ort der Ausstellung und des Konsums
Interior Design beschränkt sich nicht auf Wohnräume. Es prägt auch öffentliche Orte wie Museen, Geschäfte und Cafés. In diesen Zusammenhängen wird das Interieur zu einem Mittel der Kommunikation und des Konsums. Die Anordnung der Objekte, die Beleuchtung und die Besucherführung sind sorgfältig gestaltet, um das Erlebnis der Besucherinnen und Besucher zu lenken.
Die Rekonstruktion eines historischen Cafés in einem Museum ist beispielsweise nicht nur eine nostalgische Beschwörung, sondern bietet auch Gelegenheit, zu untersuchen, wie Design die Konsumkultur beeinflusst hat. Solche temporären Räume ermöglichen es dem Publikum, Ideen, die die Moderne geprägt haben, unmittelbar zu erleben.
Schluss: Design als kritische Praxis
Interior Design ist weit mehr als eine dekorative Disziplin. Es ist eine kritische Praxis, die unsere Lebensweisen, sozialen Beziehungen und materielle Umgebung hinterfragt. Wer sich mit dem modernen Interieur beschäftigt, lernt nicht nur etwas über die Geschichte des Designs, sondern gewinnt auch Anregungen, darüber nachzudenken, wie wir heute leben möchten.
Die Lehre der Designerinnen und Designer des 20. Jahrhunderts ist klar: Ein Raum ist kein passiver Behälter, sondern wirkt aktiv an der Gestaltung menschlicher Erfahrungen mit. Jede Entwurfsentscheidung – von der Farbwahl bis zur Anordnung eines Möbelstücks – hat Folgen, die über das Ästhetische hinausgehen.
Referenzen
- Interior design | MoMA
- How Should We Live? Propositions for the Modern Interior | MoMA
- Furniture and interiors | MoMA
Die Übersicht
Geltungsbereich
Essayistische Lektüre; stellt weder einen Besuch noch eine technische Bewertung dar.
Quellen
Interior design | MoMA ↗26/10/2026
How Should We Live? Propositions for the Modern Interior | MoMA ↗26/10/2026
Furniture and interiors | MoMA ↗26/10/2026
