In den vergangenen Jahren hat die zeitgenössische Architektur einen leisen, aber tiefgreifenden Wandel erlebt: eine Bewegung hin zum gemeinschaftlichen Bauen und Wohnen. Diese Veränderung beschränkt sich nicht auf die Ästhetik, sondern gestaltet die sozialen Dynamiken, die Nachhaltigkeit und die wirtschaftliche Effizienz bewohnter Räume neu. Die Ausstellung Together! The New Architecture of the Collective im Vitra Design Museum beleuchtet diese Entwicklung anhand von Projekten, die zeigen, dass gemeinschaftliches Wohnen nachhaltig und kosteneffizient sein und möglicherweise mehr Zufriedenheit schaffen kann.
Die Herausforderung des modernen Zusammenlebens
Die zentrale Frage hinter diesen Projekten lautet: Wie möchten wir in Zukunft zusammenleben? Gemeinschaftliche Architektur bedeutet nicht einfach, Wohneinheiten zu gruppieren, sondern das Verhältnis zwischen Privatem und Öffentlichem neu zu ordnen. Diese Ansätze sollen konkrete Probleme des heutigen Stadtlebens angehen: den Mangel an Raum für bestimmte Tätigkeiten, den Bedarf an einem effizienten Ressourceneinsatz und den Wunsch, Privatsphäre zu bewahren, ohne Menschen zu isolieren.
Projekt 1: Musikerwohnhaus, Basel, Schweiz
Das Musikerwohnhaus in Basel ist eine architektonische Antwort auf ein sehr spezifisches Problem: Musikerinnen und Musiker können in herkömmlichen Wohnungen oft nur schwer üben. Das Wohnprojekt befindet sich in einem ehemaligen Fabrikgebäude und wurde von der Schweizer Stiftung Habitat finanziert, die auf Wohnlösungen für Menschen mit besonderen Bedürfnissen spezialisiert ist.
Technische und räumliche Daten
| Kennwert | Wert |
|---|---|
| Gesamtfläche | 2.099 m² |
| Gemeinschaftsflächen | 506 m² |
| Kosten pro m² | Nicht verfügbar |
Architektur fürs Musizieren
Das besondere Merkmal des Projekts sind schallgedämmte Übungsräume direkt gegenüber den Wohnungstüren. So können die Musikerinnen und Musiker zu jeder Tages- und Nachtzeit üben, ohne sich über dünne Wände oder lärmempfindliche Nachbarn Gedanken machen zu müssen. Neben den einzelnen Übungsräumen gibt es eine Cafeteria, Gästeapartments und vier größere Übungsräume, die auch als Aufnahmestudios genutzt werden können.
Wohnungstypen und gemeinschaftliche Räume
Dank der großzügigen Abmessungen des früheren Industriegebäudes umfasst das Projekt zwei Wohnungen mit bis zu sieben Zimmern. Sie sind für mehrere Haushalte – überwiegend Studierende – gedacht, die zusammenleben. Bemerkenswert ist auch ein zweigeschossiges Spielhaus für Kinder, das von Oberlichtern erhellt wird. Drei seiner Außenwände lassen sich zurückziehen, sodass sich der Raum zum Innenhof der Anlage hin öffnet.
Die Kombination unterschiedlicher Wohnformen und Einrichtungen in einer Abfolge offener und exponierter Räume lässt das Musikerwohnhaus über seine Besonderheit als „Wohnraum für Musiker“ hinauswachsen. So entsteht der Eindruck eines lebendigen Quartiers innerhalb eines anderen Quartiers.
Projekt 2: Spreefeld Berlin, Berlin, Deutschland
Spreefeld Berlin ist ein Wohnprojekt am Ufer der Spree, das nach einem genossenschaftlichen Modell von den Bewohnerinnen und Bewohnern selbst geplant und verwirklicht wurde. Die Anlage war als gebautes Gegenargument zu den Plänen für eine hochverdichtete, monofunktionale und profitorientierte Bebauung am Fluss gedacht. Sie befindet sich auf dem Gelände des früheren Berliner Clubs und Strandbars Kiki Blofeld.
Technische und räumliche Daten
| Kennwert | Wert |
|---|---|
| Gesamtnutzfläche | 8.000 m² |
| Gemeinschaftsflächen | 1.154 m² |
| Kosten pro m² | 1.800 EUR |
Passivhaus-Architektur und öffentlicher Zugang
Die Anlage besteht aus drei Gebäuderiegeln im Passivhausstandard, die alle auf den Fluss ausgerichtet sind. Grundstück und Gärten sind vollständig als öffentlicher Raum zugänglich. Zudem können Nichtbewohnerinnen und Nichtbewohner drei „Optionsräume“ im Erdgeschoss jedes Gebäuderiegels nutzen. Diese Einbindung in das städtische Umfeld stärkt den gemeinschaftlichen Charakter des Projekts über die Gebäudegrenzen hinaus.
Clusterwohnungen
Spreefeld bietet einen besonderen Wohnungstyp: fünf großzügige Clusterwohnungen. Sie sind zwischen 180 und 820 Quadratmeter groß und für vier bis 21 Personen ausgelegt. In diesen Einheiten können privater und öffentlicher Raum nebeneinander bestehen. Die privaten Wohnbereiche, jeweils für einen Haushalt bestimmt und mit eigenem Bad sowie einer kleinen Küche ausgestattet, gruppieren sich um gemeinschaftliche Wohn- und Essbereiche. So bleibt das gemeinschaftliche Miteinander, das dem gesamten Projekt zugrunde liegt, erhalten, während die Bewohnerinnen und Bewohner der Clusterwohnungen bei Bedarf zugleich ihre Privatsphäre haben.
Gemeinschaftsleben und nachhaltige Ernährung
Im Cluster findet gewöhnlich jeden Abend ein gemeinsames Abendessen statt; ein oder zwei Mal pro Woche werden größere Essen organisiert. Die Schränke der Gemeinschaftsküche sind beschriftet, damit niemand das Geschirr an den falschen Platz stellt. Das Cluster nimmt an einem Modell der solidarischen Landwirtschaft teil, das jede Woche frische Erzeugnisse liefert. Sie bilden die Grundlage für die Mahlzeiten der Woche. Grundnahrungsmittel kauft die Gemeinschaft gemeinsam und teilt sie auf. Grundlage für die Berechnungen ist ein „Kochbuch“, in dem jedes Mitglied festhält, was es verbraucht hat.
Auch der Außenbereich entwickelt sich weiter: Die Bewohnerinnen und Bewohner hoffen, eines Tages in diesem Gewächshaus eigene Erzeugnisse anzubauen, unterstützt durch die Strahlungswärme der darunterliegenden Heizungsanlage.
Projekt 3: Moriyama House, Tokio, Japan
Das Moriyama House in Tokio zerlegt ein typisches Einfamilienhaus in seine Bestandteile und verteilt sie scheinbar willkürlich über das Grundstück. Zehn Zimmer werden zu zehn separaten Baukörpern – einer Gruppe weißer Kuben, die sich in einem Garten versammeln.
Technische und räumliche Daten
| Kennwert | Wert |
|---|---|
| Gesamtfläche | 263 m² |
| Gemeinschaftsflächen | 160 m² (Innenhof) |
| Kosten pro m² | Nicht verfügbar |
Fragmentierung und Nachbarschaft
Der Eigentümer bewohnt eine Ecke der Anlage und vermietet mehrere der übrigen Zimmer, die zwischen sechzehn und zweiunddreißig Quadratmeter groß sind. Die Anordnung ist von der Nachbarschaft inspiriert: einem typischerweise dicht bebauten Wohngebiet Tokios mit Holzbauten. Dort dienen die schmalen Gassen nicht nur als Wege, sondern auch als Orte, an denen Alltag und Aktivitäten aus den umliegenden Häusern nach draußen dringen.
Durch die Anordnung des Moriyama House übernehmen kleine Gärten die Funktion innerer Flure. Für die Bewohnerinnen und Bewohner bedeutet das: Selbst eine einfache Dusche erfordert einen Gang ins Freie. Dabei kann man einem Nachbarn begegnen, in Gespräche und Klatsch hineingeraten oder einen Blick auf das Geschehen in der größeren Gemeinschaft werfen. So entsteht ein Quartier im Quartier: ein „Zuhause“, das sich von seiner herkömmlich einheitlichen Definition gelöst hat und gewissermaßen zur Stadt selbst wird.
Überlegungen zur gemeinschaftlichen Architektur
Die drei Projekte zeigen unterschiedliche Ansätze für gemeinschaftliches Wohnen, verfolgen aber ein gemeinsames Ziel: das Verhältnis zwischen Individuum und geteiltem Raum neu zu bestimmen. Das Musikerwohnhaus zeigt, wie Architektur Tätigkeiten ermöglichen kann, die in herkömmlichen Wohnungen schwer umzusetzen sind. Spreefeld Berlin veranschaulicht, wie ein genossenschaftliches Modell gemeinschaftliche und wirtschaftlich tragfähige Wohnformen schaffen kann. Das Moriyama House wiederum untersucht, wie die Aufgliederung des traditionellen Wohnhauses soziale Begegnungen und die Verbindung zum städtischen Umfeld fördern kann.
Die von Ilka und Andreas Ruby sowie EM2N kuratierte Ausstellung Together! The New Architecture of the Collective war bis zum 10. September 2017 zu sehen. Die Projekte sind nicht nur Beispiele für Architekturdesign, sondern auch Fallstudien dazu, wie sich die Gesellschaft an die sich wandelnden Bedürfnisse des heutigen Stadtlebens anpassen kann. Gemeinschaftliche Architektur ist keine Einheitslösung, sondern eröffnet ein Spektrum an Möglichkeiten, das dazu anregt, unser Wohnen neu zu überdenken.
Referenzen
- Better together | Official Vitra® Website UN.
- Magazine | Official Vitra® Online Shop US.
- How we work | Official Vitra® Online Shop SE.
Die Übersicht
Geltungsbereich
Redaktionelle Einordnung; sie stellt weder einen Besuch noch eine technische Bewertung dar.
Quellen
Better together | Official Vitra® Website UN ↗28/10/2026
