Architektur als Bühne: das VitraHaus

Das VitraHaus Loft ist Teil eines Gebäudes, dessen Architektur die Wahrnehmung des Innenraums bereits prägt. Jacques Herzog und Pierre de Meuron entwarfen das 2010 fertiggestellte VitraHaus als Flagshipstore des Unternehmens auf dem Campus in Weil am Rhein. Die Formensprache nimmt das typische Haus als Ausgangspunkt.

Der Bau besteht aus zwölf giebelständigen, längs gestreckten und ineinander verschachtelten Häusern mit großen Fenstern an den Stirnseiten. Ihre Auskragungen schweben bis zu 15 Meter übereinander. So entsteht eine fast chaotisch wirkende „Stapelung von Häusern“. Mit 57 Metern Länge, 54 Metern Breite und 21,3 Metern Höhe überragt das Gebäude die übrigen Bauten des Campus.

Die Architektur ist nicht bloß eine Hülle, sondern ein aktiver Teil des Raumerlebnisses. Tagsüber eröffnet das Gebäude Ausblicke auf die nahe und weitere Umgebung. Nachts leuchtet es, während seine Form in der Dunkelheit scheinbar verschwindet. Die verglasten Fassaden wirken dann wie beleuchtete Vitrinen. Vor diesem großmaßstäblichen Hintergrund richtet das Loft den Blick auf die menschliche Dimension: auf Zonen und Situationen, die an ein Zuhause erinnern.

Ein Raum, als wäre er bewohnt

Sabine Marcelis gestaltete das VitraHaus Loft im Rahmen des jährlichen Designprogramms auf dem Campus, zeitlich verbunden mit der Art Basel. Ihr Ansatz unterscheidet sich von einer herkömmlichen Möbelausstellung: Statt Produkte lediglich zu präsentieren, behandelte sie den Raum so, als würde sie selbst darin leben.

Die Leitfrage lautete: Wie würde ich diesen Raum gestalten, wenn ich hier wohnen würde? Das Konzept ähnelt der Aufteilung ihres eigenen Familienhauses: Ein großer, offener Grundriss wird in funktionale Bereiche gegliedert. Eigene Entwürfe stehen dabei neben Arbeiten von Freunden, Künstlerinnen, Künstlern und weiteren Mitwirkenden. Zusammen sollen sie ein stimmiges Ganzes bilden.

Die Gestaltung greift auf das Vitra-Sortiment zurück und ergänzt es um Entwürfe und Kunstwerke aus dem Umfeld der Designerin. Vorhandene Produkte wurden teilweise für andere Zwecke angepasst. So wurde das Regalsystem Kado Office als Kombination aus Kleiderschrank und Bett neu gedacht. Das Beispiel zeigt, wie ein Möbelstück über seine übliche Funktion hinaus eingesetzt werden kann, wenn die konkrete Nutzung zum Ausgangspunkt der Planung wird.

Farbe als räumliche Orientierung

Farbe ist das zentrale Mittel, mit dem die verschiedenen Bereiche des Lofts gegliedert werden. Marcelis wählte die Palette intuitiv und orientierte sich an Farbtönen, mit denen ihr Studio häufig bei Arbeiten mit Harz und Spiegelelementen arbeitet. Die Farben sollen nicht einem kurzlebigen Trend folgen, sondern an persönlichen Vorlieben anknüpfen.

Jeder Bereich erhält eine eigene Grundfarbe, die sich durch den jeweiligen Raum zieht. So können Besucherinnen und Besucher die unterschiedlichen Zonen visuell unterscheiden, ohne dass dafür zwingend Wände nötig sind. Insgesamt wirkt die Palette warm; kühlere Akzente setzen Kontraste.

Bereich Grundfarbe Beschriebene räumliche Wirkung
Lounge Karamell Wirkt einladend und umhüllend
Küche Rostrot Gibt dem Vorbereitungsbereich eine warme Farbgebung
Wohnzimmer Grün Bringt einen natürlichen Farbton und Kontrast ein
Arbeitsbereich Sehr helles Gelb Unterstützt den Eindruck von Klarheit und Konzentration

Die Farben verbinden unterschiedliche Möbel und Objekte zu einer visuellen Einheit. Grün und Rosa bilden kühlere Gegenpole zur insgesamt warmen Stimmung und verhindern, dass diese eintönig wirkt. Die Auswahl veranschaulicht zugleich eine persönliche Haltung zum Wohnen: Farben, die man mag und an denen man sich nicht schnell satt sieht, können subjektiv zeitlos wirken. Das ist keine allgemeine Garantie für Dauerhaftigkeit, sondern eine Gestaltungsentscheidung, die auf individuellen Vorlieben beruht.

Klassiker für andere Situationen umgestalten

Eine auffällige Anpassung betrifft das modulare Soft Modular Sofa von Jasper Morrison. Das System wird üblicherweise zu L-Formen zusammengestellt. Im Loft wurden Module zu einer umschließenden Lounge-Vertiefung, einem sogenannten Lounge Pit, verbunden.

Diese Anordnung soll dem Raum eine wohnliche Atmosphäre geben und den Eindruck eines Showrooms abschwächen. Auch Filmprojektionen an den Wänden waren vorgesehen, um zum Verweilen einzuladen. Die Lounge ist dabei nicht bloß eine andere Möbelform, sondern ein Vorschlag, den Wohnbereich als Mittelpunkt gemeinsamer oder entspannter Zeit zu gestalten. Die Umstellung macht die Flexibilität modularer Sitzmöbel sichtbar, ohne dass daraus folgt, dass jede Raumkonfiguration für alle Nutzungen gleichermaßen geeignet ist.

Auch zwei Entwürfe von Verner Panton wurden in Sondereditionen aufgegriffen: der Panton Chair Classic und der Visiona Stool. Der Stuhl erschien in hochglänzender Ausführung in den sieben Farbtönen des Lofts. Beim niedrigen, zylindrischen Visiona Stool gab es ebenfalls sieben limitierte Farbtöne und unterschiedliche Bezüge – von plüschartigen Materialien bis zu Leder. Dadurch erhielt jede Ausführung eine eigene Anmutung.

Beide Produkte wurden während der Art-Basel-Woche im VitraHaus und über vitra.com angeboten. Die Auflage war auf 50 Stück je Farbe begrenzt. Diese Angaben beziehen sich auf das beschriebene Angebot; sie belegen nicht, dass die Editionen heute noch erhältlich sind.

Künstlerische Kooperationen und die Erinnerung von Objekten

Das Loft beschränkt sich nicht auf Möbel. Arbeiten von Maria Pratts, Johnny Mae Hauser und Carlijn Jacobs erweitern den Raum um eine künstlerische Ebene. Ehsan Morshed, ein in Berlin ansässiger Künstler und Musterdesigner, entwarf die Bettwäsche. Seine Arbeit mit Collagetechniken verbindet unterschiedliche Bildelemente zu unerwarteten Mustern; zu seinen genannten Kooperationen zählen die Modehäuser Martine Rose und Diesel.

Die individuell gestalteten Stücke und ergänzenden Kunstwerke tragen dazu bei, dass der Raum nicht nur wie eine Zusammenstellung von Produkten erscheint. Objekte können eine eigene Geschichte, Erinnerung oder Bedeutung mitbringen – sowohl im Loft als auch in Marcelis’ Zuhause. Dadurch entsteht eine persönliche, erzählerische Ebene. Die Charakterisierung als „Seele“ des Projekts ist dabei eine gestalterische Deutung, kein messbares Merkmal.

Einige der individuellen Arbeiten wurden als limitierte Editionen im VitraHaus-Shop zum Kauf angeboten. Das macht die Grenze zwischen inszeniertem Innenraum und kommerziellem Angebot sichtbar: Die Gestaltung bleibt eine kuratierte Präsentation, wird aber durch persönliche Bezüge und Kooperationen als möglicher Wohnraum lesbar.

Vielfalt ordnen, ohne sie zu vereinheitlichen

Ein umfangreiches Möbelsortiment aus unterschiedlichen Epochen, Stilen und Entwurfsansätzen kann einen Raum überladen wirken lassen. Marcelis begegnete dieser Herausforderung mit einer farblichen Ordnung: Ähnliche Farbtöne in verschiedenen Bereichen schaffen visuelle Ruhe, obwohl Möbel und Objekte vielfältig bleiben.

Das Team sichtete das gesamte Sortiment und bezog auch Stücke von Artek ein. Ziel war eine ausgewogene Mischung aus alten, neuen, unerwarteten und ikonischen Elementen. Die Farbpalette fungiert dabei als verbindende Ebene. Sie löscht Unterschiede zwischen den Objekten nicht aus, sondern hilft, sie in einer gemeinsamen räumlichen Komposition wahrzunehmen.

Was sich auf die eigene Einrichtung übertragen lässt

Das Loft lässt sich als Beispiel für mehrere Gestaltungsentscheidungen lesen – nicht als universelles Rezept für ein Zuhause:

  1. Farbe kann zonieren. Eine durchgängige Grundfarbe pro Bereich kann Funktionen und Aufenthaltsorte sichtbar machen, auch in einem offenen Grundriss. Wie deutlich das funktioniert, hängt von der konkreten Raumgestaltung und der Wahrnehmung der Bewohnerinnen und Bewohner ab.
  2. Möbel können auf die Nutzung reagieren. Ein Regalsystem als Schrank-Bett-Kombination oder ein modulares Sofa als Lounge-Pit zeigt, wie sich vorhandene Möbel neu konfigurieren lassen. Entscheidend ist, ob die Anpassung den tatsächlichen Anforderungen des Raums entspricht.
  3. Persönliche Bezüge verändern die Wirkung. Kunst, individuelle Entwürfe und Gegenstände mit persönlicher Bedeutung können einem Raum eine erzählerische Dimension geben, die eine reine Produktanordnung nicht automatisch besitzt.
  4. Eine persönliche Palette kann länger tragen als ein Trend. Farben nach eigenen Vorlieben auszuwählen, statt sich ausschließlich an saisonalen Empfehlungen zu orientieren, kann die emotionale Bindung an den Raum stärken. Ob eine Farbe dauerhaft gefällt, bleibt individuell.
  5. Ein verbindendes Prinzip macht Vielfalt lesbar. In diesem Beispiel übernimmt die Farbe diese Rolle. Bei anderen Einrichtungen könnten auch Material, Form oder eine wiederkehrende Anordnung die verschiedenen Elemente miteinander verbinden.

Das VitraHaus Loft zeigt, wie sich eine kommerzielle Präsentation mit der Vorstellung eines bewohnten Raums verbinden lässt. Architektur, Farbgliederung, umgenutzte Möbel und künstlerische Arbeiten wirken dabei auf unterschiedlichen Ebenen zusammen. Der entscheidende Gedanke ist nicht, die Inszenierung eins zu eins zu übernehmen, sondern die eigene Einrichtung von der Nutzung, persönlichen Vorlieben und den Beziehungen zwischen den Dingen her zu entwickeln.

Ressourcen

Für einen Besuch des Vitra Campus werden Führungen und Workshops angeboten. Die VitraHaus-Architektur kann außerdem vor Ort als Teil des Campus erkundet werden. Informationen zu den limitierten Editionen sind zeitgebunden: Die beschriebenen Stückzahlen und Verkaufswege beziehen sich auf das Angebot während der Art-Basel-Woche und über vitra.com; die aktuelle Verfügbarkeit ist nicht belegt.

Referenzen

  • VitraHaus Loft | Official Vitra® Online Shop CH — Gespräch über die Gestaltung des Lofts, Farbwahl, Möbelanpassungen, künstlerische Kooperationen und limitierte Editionen; veröffentlicht am 27.05.2024. Bildnachweis: © Vitra, Clemens Polocze.
  • VitraHaus | Official Vitra® Website LP — Angaben zu Architektur, Architekten und den Maßen des Gebäudes.
  • VitraHaus | Official Vitra® Online Shop SE — Angaben zu Architektur, Architekten und den Maßen des Gebäudes.

Die Übersicht

Geltungsbereich

Redaktionelle Lektüre; stellt weder einen Besuch noch eine technische Bewertung dar.

Quellen

VitraHaus Loft | Official Vitra® Online Shop CH ↗23/10/2026

VitraHaus | Official Vitra® Website LP ↗23/10/2026

VitraHaus | Official Vitra® Online Shop SE ↗23/10/2026